B4: Koordinative Kraft

Für die Entwicklung als auch für die Umsetzung von motorischen Fertigkeiten bzw. Handlungen (bspw. elementarer Grundfertigkeiten: Laufen, Springen, Werfen & komplexer sportmotorischer Handlungen: Ballfertigkeiten, Radfahren u.v.m.) ist der Synergismus von konditionellen Fähigkeiten (= werden im Wesentlichen durch die Energiebereitstellung definiert) & koordinativen Fähigkeiten (= sind eng an die Informationsverarbeitung des Nervensystems geknüpft) entscheidend. Die Sportwissenschaft teilt konditionelle Fähigkeiten in die physischen Leistungsfaktoren Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit & Beweglichkeit auf. Die koordinativen Fähigkeiten werden – gemäß ihrer Relevanz – in Gleichgewicht, Orientierung, Differenzierung, Rhythmisierung, Reaktion, Umstellung & Kopplung unterteilt. Abseits der konzeptuellen Unterscheidung, zwecks Verständnis, sollten aber alle Fähigkeiten wie funktionelle Mischformen betrachtet werden.

Die Kraft (als relevanter Leistungsfaktor in diesem Kontext) ist mit ihren physischen & psychischen Aspekten schwer zu bestimmen, da der Funktion folgend meist mehrere Faktoren zusammenwirken (bspw. Muskelspannung & -arbeit). Grundsätzlich wird in die vier übergeordneten Kraftfähigkeiten Maximalkraft, Reaktivkraft, Schnellkraft & Kraftausdauer unterteilt. Innerhalb der beschriebenen Kraftmanifestationen begünstigt die Art des Training dann eine weitere Unterteilung nach Erscheinungsformen & Methoden. Dem individuellen Ausgangsniveau sowie der angestrebten Zielsetzung folgend können diese Trainingsformen weiter in unterschiedlichen Durchführungs- & Organisationsformen dann zur Anwendung kommen.

Die menschliche Koordination (auch Gewandtheit genannt) beinhaltet Facetten, welche überwiegend durch Prozesse der Bewegungssteuerung & -regelung gekennzeichnet sind. Sie versetzt den Menschen in die Lage, motorische Handlung in berechenbaren sowie unberechenbaren Lebensumständen präzise & problemlos auszuführen. Durch eine umfangreiche Bewegungsausbildung einer allgemeinen Grundlagenkoordination (d.h. auf Alltagsleben & -situationen ausgerichtet) fällt die weiterführende Bewegungsschulung neuer & spezieller Koordinations- bzw. Bewegungsmuster deutlich leichter. Damit bilden die koordinativen Fähigkeiten also den Ausgangspunkt des Menschen, um eine effektive sensomotorische Lernfähigkeit zu entwickeln – auch Training der Trainierbarkeit genannt. Dazu kann eine gezielte Entwicklung der koordinativen Leistungsfähigkeit auch nach Jahren noch positiv beim Erwerb bzw. der Anpassung weiterführender motorischer Fertigkeiten & Techniken wirken.

Motorische Fähigkeiten im Zusammenspiel

Durch die Präzision in der Bewegungssteuerung wird ein hoher Grad an Gewandtheit erreicht, durch den Bewegungen mit vermindertem Aufwand an Muskelkraft (d.h. energieeffizienter) absolviert werden können. Dieser Umstand reguliert den Ausnutzungsgrad der konditionellen Fähigkeiten (d.h. der physischen Leistungsfaktoren = Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit & Beweglichkeit). Weiter bilden die koordinativen Fähigkeiten in Charakteristik & Entfaltung der physischen Leistungsfaktoren einen erforderlichen Grundpfeiler für zielführende Weiterentwicklungsprozesse. Im Gegenzug sind die konditionellen Fähigkeiten mit ihrem komplexen Ineinandergreifen bei der Bewegungsrealisierung unerlässlich für die koordinativen Fähigkeiten – erst durch das Zusammenspiel beider Fähigkeitenbereiche kann der Mensch sein volles motorisches Potential entfalten.

Körperliche Anpassung (Adaptation) mittels Krafttraining beginnt im Nervensystem. Dieses System (= bestehend aus Gehirn, Rückenmark & vielen weiteren Nerven) ist für den Austausch von Informationen im Organismus verantwortlich (bspw. motorische Nerven leiten Bewegungsanweisungen vom Motorkortex über das Rückenmark in die Zielstrukturen – sensorische Nerven übermitteln vom Muskel ausgehend über das Rückenmark zurück zum Gehirn). Die sensorische Anpassung (= neuronale Adaptation) bildet den grundlegenden Vorgang ab, durch welchen sich der Körper auf spezifische Umweltsituationen einrichten kann. Nervenbahnen erfahren durch Krafttraining eine Komponente der Anpassung, durch welche die Kommunikation zwischen Gehirn (= Steuerung) & Körper (= Ausführung) optimiert werden kann.

Adaptationen durch Kraftinterventionen in den beschriebenen neuronalen (= zuerst) sowie muskulären (= nachfolgend) Organisationsformen gewährleisten also eine Vervollkommnung in Technik, Koordination & Bewegungseffizienz. Durch stetige Wiederholungen (= Weg zur Automatisierung) lernt das Gehirn den Zielmuskel (= der Bewegungsanweisung entsprechend) & die korrekte Anzahl an Muskelfasern (= hinsichtlich der geforderten Intensität) zu aktivieren. Durch Stimulation mittels Kraftreiz kann der Neurotrophinspiegel (= reguliert das Wachstum & den Funktionserhalt von Nervenzellen bzw. Neuronen) beeinflusst werden. Die Neurogenese (= Neubildung von Neuronen – in jedem Lebensalter möglich) bildet einen der positiven Effekte des Krafttrainings für das Gehirn. Einen weiteren stellt die Neuroplastizität (= Stärkung, Stabilisierung & Ausbau neuronaler Netzwerke) dar, durch welche neue Fertigkeiten erlernt sowie die Arbeitsweise der Neuronen & der allgemeinen Gehirnfunktion verbessert werden können. Einen positiven Einfluss hat das Krafttraining auch auf die Neurochemie (= Neurotransmitter diffundieren als chemische Botenstoffe über den synaptischen Spalt & gewährleisten die Signalweitergabe), wodurch bspw. der Endorphinspiegel reguliert wird, was eine emotionale Stabilität begünstigen kann.